Falsch abgebogen
Heute bin ich mit dem Gedanken aufgewacht, dass es eigentlich komisch ist, dass ich irgendwann in meinem jungen leben „falsch abgebogen“ bin. Also nicht im Sinne von „auf die schiefe Bahn“ geraten, sondern eher sowas wie einen unnatürlichen Weg eingeschlagen. Ich war der Junge, der in der Grundschule während des Unterrichts durch die Klasse gelaufen ist. Laufen war auch mein Stichwort – die einzige Sportliche Disziplin bei der ich nicht nur in den vorderen Rängen landete, sie machte mir sogar Spaß. Noch mehr Spaß hatte ich nur noch am Fahrrad fahren – da war mir kein Weg zu weit und keine Zeit zu kurz um nicht unterboten zu werden. Und dann winkte die ganz große Freiheit: Mofa, Moped, Motorrad und Auto. Auch da war mir keine Strecke zu lang und ich habe in einem Jahr mehr Reifen und Bremsbeläge verschlissen als heute in einem Autoleben. Neben den Dingen, die ein junger Mensch so tut saß ich aber vor allem bereits Anfang der 80er den Großteil meiner Zeit vor einem Monitor. Erst privat, später dann auch beruflich. Mein Bewegungsradius schrumpfte so vom „Skagerrak bis in die Alpen“ zu „Tastatur bis Kaffeemaschine“ und selbst die sonst regelmäßigen Nächte auf den Tanzflächen verschwanden zusammen mit dem Rauchverbot im Dunst der Zeit.
Irgendwann in meinen 50ern merkte ich dann, dass dieser mein Körper nicht nur Falten angesetzt hatte – der hat seit Denkaden keine Farbe mehr von der Sonne bekommen, die mühelos mit Gummibären und Erdnussbutter angefressenen Polster verschwinden schon lange nicht mehr und von der Fähigkeit laufen oder Fahrrad fahren zu können, war allenfalls die Idee übrig geblieben.
Also schmiss ich die Zigaretten weg, zog mir Barfußschuhe an und schnappte mir meine Kamera um relativ regelmäßig durch Wald und Moor zu wandern. Während das ’ne ganze Reihe von Problemen hat verschwinden lassen, zeigt es doch heute spätestens beim Aufstehen am nächsten Morgen, dass diese Knochen und Gelenke eben keine zwanzig mehr sind und ihre leistungsfreudigsten Jahre irgendwo im Sitzen verpufften.
Dabei war ich immer der Typ, der beim Telefonieren durch die Wohnung läuft und irgendwann anfing sein Auto gerne etwas weiter wegzustellen, um wenigstens mal ein paar Schritte zu gehen.
Wie man weiß, ist speziell das Gehen und Laufen besonders gut für so einen Homo Sapiens. Ich hatte durch meinen einprogrammierten Bewegungsdrang eigentlich alle Voraussetzungen, etwas daraus zu machen und ich bin irgendwo zwischen Nikotinschwaden und Benzingeruch auf meinem Arsch sitzen geblieben.
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die irgendwas aus Ihrer Vergangenheit bereuen oder gar die Zeit zurück drehen wollen – das ist ein dämliches Gedankenspiel. Aber wenn ich heute die selben Wege langgehe, die ich schon in meiner Kindheit so mochte, frage ich mich manchmal, zu welchem Zeitpunkt aus einem hyperaktiven Körper ein Geist wurde, der lieber auf einen Bildschirm schaut, als die Welt auf eigenen Füßen zu erkunden? Die einzig schlüssige Erklärung, die ich spontan dafür fand: Ich muss wohl 1981 unbemerkt „Draußen ist Feindlich“ von den Einstürzenden Neubauten gehört, und für bare Münze genommen haben.